Wie lebt es sich in 36 Jahren in Berlin?

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Ein warmer Morgen in 36 Jahren. Sie öffnen zum Lüften das Fenster und schauen hinaus. Was sehen Sie? Was für eine Straße, was für Nachbarn? Kurz gesagt: Was für ein Ort wird Berlin im Jahr 2050 sein? Wer werden die Berliner sein und wo werden sie alle leben?

Die Frage mag töricht erscheinen, schließlich hat sich keine Großstadt in Europa – oder vielleicht sogar in der ganzen Welt – so sehr und so dramatisch verändert wie Berlin. Dennoch erleben wir jetzt einen faszinierenden Augenblick in Berlins Wachstum. Wie nie zuvor lässt sich das künftige Aussehen der Stadt erahnen.

Berlin hat große Pluspunkte, die der Stadt bei ihrem Wachstum von Nutzen sein werden. Verglichen mit anderen Hauptstädten ist Berlin eine kompakte Stadt mit verdichteten Stadtteilen, und nicht alle Grünräume sind unkontrollierten Bauaktivitäten zum Opfer gefallen. Berlin hat ein erfolgreiches Nahverkehrsnetz. Die Wohnkosten steigen zwar rasch, sind aber noch immer deutlich niedriger als in anderen Großstädten. Es gibt immer noch viele leere, unentwickelte Bereiche. Anders gesagt: Berlin hat alles, was nötig ist, um bis zur Mitte des Jahrhunderts eine größere, engermaschige Stadt zu werden.

DIE NEUEN EINWOHNER

Wer werden diese Berliner von 2050 sein? Einer davon können natürlich Sie sein, 36 Jahre älter halt. Vielleicht macht Sie das 2050 zu einem sehr alten Bewohner Berlins, aber gewiss nicht zum Einzelfall: Die Stadt Berlin ist zwar für ihre Jugendlichkeit berühmt, aber Mitte des Jahrhunderts wird die Bevölkerung als Folge der steigenden Lebenserwartung deutlich älter sein. Berlins Senator für Stadtentwicklung Michael Müller schätzt, dass die Zahl der Einwohner im Alter von 65 oder älter schon bis 2030 um 200.000 gestiegen sein wird. Der Anteil der Berliner, die älter als 80 Jahre sind, wird um über 80 Prozent zulegen.

Die Konsequenz: Berlins Wohnungsbau muss sich ändern. Mehr als 100.000 Häuser müssen so umgebaut werden, dass sie rollstuhlgeeignet sind. Und viele Stadtteile werden noch kompakter, baulich verdichteter und stärker an den Bedürfnissen einer durchschnittlich älteren Bevölkerung orientiert sein müssen. Diese Bürger sind weniger mobil, benötigen mehr Hilfe und Unterstützung, sodass Menschen in der Nähe leben sollten, die diese Hilfe bieten können.

Das bringt uns zu einer zweiten Gruppe, die im Berlin von 2050 deutlich stärker vertreten sein wird: Neuankömmlinge, sowohl aus Deutschland wie auch aus dem Ausland. Altenpflege zählt zu den Hunderten Bereichen, bei denen klar ist, dass der Bedarf an Fachkräften und Ungelernten aus der jetzigen Bevölkerung heraus nicht gedeckt werden kann. Einwanderer werden auch weiterhin einen größeren Anteil der Bevölkerung Berlins ausmachen.

Aktuell leben in Berlin rund 470.000 nicht in Deutschland geborene Menschen aus 190 Ländern, hat Berlins Beauftragte für Integration und Migration errechnet. Die Tendenz ist steigend. Zwischen 2006 und 2011 zogen rund 65.000 Einwanderer nach Berlin und wir können davon ausgehen, dass in den nächsten Jahrzehnten ähnliche Fünf-Jahres-Zahlen erreicht werden.

Der Zuzug wird dabei nicht so schwierig oder umstritten verlaufen, wie es in den vergangenen fünf Jahrzehnten oftmals der Fall war. Die nächsten Wellen werden nicht aus Menschen bestehen, denen Berlin unbekannt ist und die sich abmühen müssen, irgendwie einen Anfang zu finden. Stattdessen werden die meisten aus denselben Regionen stammen und denselben Hintergrund haben wie die bestehenden Zuwanderergemeinden. Es werden Menschen aus Ost- und Südeuropa sein und aus der Türkei. Ihre Ankunft wird eingebunden sein in die Netze gegenseitiger Hilfe, die man in den althergebrachten Einwanderervierteln findet. Ich nenne das „Arrival Cities”, Orte der Ankunft.

Die jüngsten Zuwanderungswellen prallen im heutigen Berlin jedoch auf ein Paradoxon: Die alten Bezirke in der Innenstadt werden zu teuer für die neu Zuziehenden, aber viele der Plattenbaubezirke sind in ihrer jetzigen Form nicht optimal für die Bedürfnisse der Neuankömmlinge. Was fehlt, sind die kommerziellen Flächen oder die mit Kunden übersäten Straßen, auf denen Einwanderer spontan Geschäfte eröffnen können.

Doch ein glücklicher Zufall spielt Berlin in die Karten: Die Wohnanforderungen der zwei boomenden Gruppen – Ältere und Einwanderer – sind sich nämlich deutlich ähnlicher, als man meinen könnte, und die Lösungswege überschneiden sich.

In den 1990er- und den 2000er-Jahren war das Wachstum in Berlin ein Beleg für die Synergie zwischen Zugezogenen und Jungen: Etablierte „Arrival Cities” wie Neukölln und Wedding lockten auch junge Kreative an. In den kommenden Jahrzehnten wird Berlin eine ähnliche Synergie zwischen den neu Zugezogenen und den älteren Mitbürgern entdecken. Beide Bevölkerungsgruppen profitieren von stärker verdichteten Bezirken mit kurzen Wegen zwischen Wohnung, Einkaufsmöglichkeit und öffentlichem Nahverkehr, leichtem Zugang zur Straße und mehr Möglichkeiten für die spontane Bildung von kleinen Geschäften und Gemeinschaftsaktivitäten.

Beide Gruppen benötigen einen neuen Wohnbauansatz, dessen Grundlage ein besseres Verständnis der jeweiligen Bedürfnisse ist. Auf der einen Seite steht der „graue Boom” (die Bevölkerung wird immer älter), auf der anderen Seite der „Vielfarbenboom” der Zuwanderung. Die Folge: Berlins Bevölkerung wächst. Prognosen zufolge wird Berlins Bevölkerung 2030 um 254.000 Personen auf 3,75 Millionen gestiegen sein. 2050 werden es deutlich mehr als 4 Millionen sein. Schätzungsweise 10.000 bis 12.000 neue Wohnungen pro Jahr werden benötigt, um mit der Nachfrage Schritt zu halten.

DIE NEUEN ORTE

Berlin hat Glück. Besser als andere große Hauptstädte sind dort die Voraussetzungen dafür gegeben, die neue Bevölkerung der kommenden vier Jahrzehnte unterzubringen und gleichzeitig das Gefühl von Intimität, Gemeinschaft und Spontaneität sowie die Grünräume zu bewahren, die Berlin lebenswert machen.

Von zentraler Bedeutung ist Berlins Reichtum an Freiflächen innerhalb des Stadtkerns: Die ehemaligen Industrieflächen entlang der Spree, Tempelhof und Dutzende anderer Flächen. Hier könnten intime Viertel mit verdichteter Wohnbebauung und Mischnutzung entstehen. Das heißt nicht, dass dort Wohnsilos gebaut werden müssen. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt findet sich Berlins höchste Bevölkerungsdichte in Bereichen mit fünf- bis sechsstöckigen Häusern – also die klassischen Berliner Wohnhäuser mit Innenhof. Hier wohnen immer noch mehr Menschen als in Wohntürmen, noch dazu bequemer.

Die andere Stärke Berlins besteht darin, ältere, weniger ideale Projekte in neuere, stärker konzentriere Bezirke mit höherer Wohndichte zu verwandeln, ohne dass es dabei zu allzu großen Störungen kommt. Ein großer Anteil des Wohnbaus entfällt auf städtische Immobiliengesellschaften wie Degewo, die Zugang zu Finanzmitteln und langfristigen Planungsvisionen haben. Das macht den Umbau von Wohnvierteln vergleichsweise einfach.

Wichtige Erkenntnisse lassen sich aus den Erfahrungen gewinnen, die Städte wie Amsterdam gemacht haben. Dort haben Wohnungsbaugesellschaften weniger dicht besiedelte „Stadt-im-Grünen“-Projekte durch stärker gemeinschaftsfördernde mittelhohe Wohngebäude entlang gerader Straßen abgelöst. So wurden die Stimmung, Intensität und Nähe etablierter Stadtbezirke nachgebildet.

Wenn Berlin von den besten Vorbildern aus ganz Europa lernt und seine eigenen geographischen, gemeinschaftlichen und organisatorischen Stärken nutzt, kann das Berlin des Jahres 2050 ein Ort sein, der dem heutigen Berlin ähnelt – mit noch mehr Einwohnern, erschwinglicherem Wohnraum, mehr Dichte und mehr Komfort. Der spannendste Abschnitt im Wachstum Berlins steht erst bevor.